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Liebesbrief ans Gehirn

Theorie ist das eine, praktisches Erleben das andere. Sarah Riehle weiß, wovon sie schreibt. Die 36-jährige lebt in Wedel und arbeitet als Übersetzerin und Lektorin. Ihre Fachgebiete sind Neurologie und inklusive Kommunikation, die Arbeitssprachen Englisch und Deutsch. Wir haben uns kennengelernt, als sie über Mehr miteinander! eine Begleitung fürs Schwimmen suchte. Seither stehen wir in Kontakt. Sarah nutzt aufgrund einer durch Sauerstoffmangel bei der Geburt verursachten Cerebralparese überwiegend einen Rollstuhl. Die hindert sie nicht daran, ihr Leben aktiv zu gestalten. An guten Tagen gerne ein paar Meter laufend. Sie musste nicht lange überlegen, ob sie regelmäßig für die Teilhabe-Info schreiben möchte. Klar wollte sie. Hier bringt sie euch bei, euer Gehirn zu lieben, wie es ist.

Gehirne von Menschen mit Behinderungen arbeiten anders.
Anders als Gehirne von Menschen ohne Behinderungen.
Ein Teil unseres Gehirns arbeitet nicht.
Oder nicht so gut.
Dann findet unser Gehirn einen anderen Weg.
Damit wir Dinge trotzdem tun können.

Zum Beispiel:
Uns bewegen.

Das heißt:
Unsere Gehirne sind neurodivers.

„Neuro“ ist Griechisch.
Das heißt: „Nerv“.

„Divers“ ist Lateinisch.
Das heißt: „anders“.

So ein Gehirn kann ein Problem sein.
Dann können wir Dinge nicht so gut wie andere.
Es kann auch ganz toll sein.
Dann können wir Dinge besser als andere!

Unsere Gehirne sind toll.
Das sollten wir ihnen mal schreiben.
Ein Liebesbrief an unser Gehirn.

Hier ist meiner:

Liebes Gehirn von Sarah,

ich bin stolz auf dich. Du kannst nicht nur sprachliche Inhalte blitzschnell verstehen. Auch Wissen wie ein Schwamm aufsaugen und es nach Jahrzehnten wieder hervorholen. Außerdem hast du mich mit einer sozialen Persönlichkeit ausgestattet.

Okay, jede Bewegung ist eine Herausforderung, die selten nach Plan läuft. Auch meine Muskeln nerven. Sie sind immer unter Spannung. Von räumlichem Sehen und Zahlen ganz zu schweigen. Das sind für mich Bücher mit sieben Siegeln.

Was letzteres betrifft, hast du mich über Jahre mit vielen Strategien ausgestattet. Darum kann ich mit Zahlen umgehen. Wenn ich unbedingt muss.

Ich hoffe, du verstehst es jetzt: Selbst wenn ich könnte: Ich würde nichts an dir ändern. 
Denn, mein liebes Gehirn, ich liebe dich, wie du bist!

Deine Sarah

Anleitung:

Erst schreibt eurem Gehirn,
was es gut kann.
Worauf ihr stolz seid.

Dann, was es nicht gut kann.
Was euch nervt.

Dann von einem Problem, 
das euer Gehirn gelöst hat.

Bei dem es einen Weg gefunden hat,
damit ihr etwas trotzdem tun könnt.

Am Ende schreibt ihr eurem Gehirn,
dass ihr es liebt.

Versucht es mal!

An die Tasten… 

Fertig?

Los!